München[nbsp]– Christian Alberti hat eine klare Antwort. „Das war reines Kalkül“, sagt der Münchner auf die unvermeidliche Frage, warum er die Rechtsform Genossenschaft gewählt hat, als er 2005 eine eigene Werbeagentur aufbaute. „Ich wollte keine Agentur wie die anderen auch“, sagt er – statt zum Beispiel einer GmbH entwickelte er deswegen ein Modell, in dem Fachleute aus der Werbebranche wie Graphiker oder Texter eben Genossen werden statt freiberufliche Mitarbeiter.[nbsp]15 Mitglieder hat die Werbegenossenschaft mit dem Namen Paragraph eins inzwischen. Vier von ihnen arbeiten im Büro im Münchner Stadtteil Au, die anderen von Städten in ganz Deutschland aus. Christian Alberti zieht als Vorstand in erster Linie Aufträge von kleineren und mittelgroßen Unternehmen an Land und verteilt dann die Arbeit. Der Kunde zahlt eine Rechnung, die Fachleute teilen sich das Geld je nach Arbeitsaufwand auf. 15 Prozent der Einnahmen gehen an die Genossenschaft. „Andere Agenturen geben sich eine Philosophie“, sagt Alberti, „wir haben eine rechtlich bindende Satzung“.

In Bayern gibt es mehr als 800 Genossenschaften aus 35 Branchen – die Rechtsform erfreut sich zunehmender Beliebtheit.

Von Michael Tibudd

München[nbsp]– Es muss es ja nicht gleich so laufen wie bei den Männern und Frauen im Tölzer Land: Mächtig stolz sind die Menschen aus der Umgebung des Klosters Reutberg auf das Bier der dortigen Klosterbrauerei – ihr Bier. Seit 1924 läuft der Betrieb nahe Sachsenkam nach den Regeln einer Genossenschaft. Freunde des Biers haben sich damals zusammengeschlossen, um die beinahe stillgelegte Brauerei vor dem Untergang zu bewahren. Nach einer weiteren Krise in den achtziger Jahren erwirtschaftet man längst schwarze Zahlen, die inzwischen weit mehr als 4000 Genossen verbindet ein Gemeinschaftsgefühl, und das kommt besonders beim alljährlichen Höhepunkt zum Ausdruck: Bei der Generalversammlung im Bierzelt. Die Dividende, heißt es dann immer, wird ausgeschüttet, in Form von Freibier.

Der Fall Reutberg kommt dem Ideal der Genossenschaft, wie Stephan Götzl es gerne skizziert, gewiss recht nahe: Der Vorsitzende des Genossenschaftsverbandes Bayern beobachtet in der Gesellschaft eine „Rückbesinnung auf das Beständige“, dazu einen Trend zu mehr Regionalität – Entwicklungen, zu denen die Organisationsform Genossenschaft, bei der das gemeinsame Wirtschaften wesentlicher Bestandteil ist, hervorragend passe. Freilich illustriert die kleine Klosterbrauerei nicht ganz die ökonomische Bedeutung, die Genossenschaften in Bayern tatsächlich haben. Dafür aber hat Götzl, dessen Verband am Donnerstag 1500 Vertreter von Genossenschaften aus ganz Bayern zum Jahrestag nach München einlud, andere Zahlen parat: Die bayernweit 834 Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften erwirtschafteten 2009 einen Umsatz von 10,5 Milliarden Euro. Fast 27[nbsp]000 Menschen verdienen in den Genossenschaften ihr Geld.

Was macht die 1847 von Friedrich Wilhelm Raiffeisen im deutschsprachigen Raum erstmals entwickelte Geschäftsform so attraktiv, dass 2009 in Bayern 3200 Menschen immerhin 48 neue Genossenschaften gründeten? Zunächst einmal ist der Gründungsakt als solcher unkompliziert: Gerade einmal drei Mitglieder muss es geben, ein vorgeschriebenes Mindestkapital gibt es im Gegensatz etwa zu einer GmbH nicht. Die Mitglieder haften auch nur mit ihrem eingesetzten Kapital, das sich im Bereich von wenigen hundert Euro bewegen kann. Das macht freilich eine gründliche Prüfung der Wirtschaftlichkeit notwendig, die sich der Genossenschaftsverband Bayern auch auf die Fahnen schreibt – nicht immer allerdings läuft dieser Prozess einvernehmlich ab, wie der Fall der vom Verband ausgeschlossenen Raiffeisenbank Plankstetten belegt, der zu einem langen juristischen Streit zwischen den Parteien führte (die SZ berichtete).[nbsp][nbsp]

Jedenfalls ist neben den gut 300 Genossenschaftsbanken eine erstaunliche Vielfalt von Unternehmen aus insgesamt 35 Branchen genossenschaftlich organisiert – von der klassischen Molkereigenossenschaft in der Landwirtschaft über Einkaufsgemeinschaften für Ärzte bis hin zu Exoten wie einer Werbeagentur in München.

Auch immer mehr Kommunen setzen auf diese Rechtsform, zum Beispiel wenn es darum geht, mit anderen Gemeinden, aber auch privaten Firmen, etwa die Energieversorgung zu regeln.

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